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Wie man Open-Source-Entwicklung finanziert

Gedanken und Ideen zur Zukunft der Finanzierung von Open-Source-Erweiterungen in einer Business-Welt und wie Projekte wie TYPO3 dabei weiterhin im Einklang mit den Prinzipien freier Software stehen können.

Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten
Übersetzung aus dem Englischen: Colin Hasenau

Freiheit

Frei wie in "Freie Rede" nicht wie in "Freibier"

Von Beginn an gab es viele Diskussionen über die Grundprinzipien freier Software. Vor allem wenn es um kommerzielle Nutzung von freier oder Open-Source-Software geht, gibt es völlig unterschiedliche Vorstellungen von diesen Grundsätzen und wie sie mit denen der kapitalgetriebenen Märkte korrelieren.

Während die beiden Begriffe „Freie Software“ und „Open-Source-Software“ dabei die unterschiedlichen ideologischen Standpunkte markieren, teilen sie zumindest die Definition von freiem Code und der zugrunde liegenden Lizenzen: Alle Nutzer sollten die Freiheit haben, den Code zu nutzen oder zu modifizieren und mit anderen zu teilen, solange sie sich dabei an die Bedingungen der Lizenz halten.

Richard Stallman, eine der Schlüsselfiguren der Freie-Software-Bewegung, formuliert es recht eindeutig und unmißverständlich:

Freie Software ist Software, die sowohl deine Freiheit als auch die soziale Verbundenheit innerhalb deiner Gemeinschaft respektiert.
Also ist damit frei wie in Freiheit gemeint.

Richard Stallman

Eine der großen Open-Source Lizenzen ist die General Public License oder GPL. Sie ist unter anderem auch die Lizenz des TYPO3-Projekts, das wir als Beispiel für die verschiedenen finanziellen Probleme ausgewählt haben, die man als Entwickler, Verkäufer oder Nutzer von GPL-Software zu bewältigen hat.

Freie Software ≠ Freeware

Die zwei häufigsten Fehler beim Verständnis von Open-Source-Software

Obwohl die Freie-Software-Bewegung schon seit mehr als drei Jahrzehnten existiert, gibt es immer noch etliche Mißverständnisse über Freie Software, wie Dave Kelly und Cody v. d. Mark 2012 in ihrem Artikel „Six misconceptions of Open-Source Software“ aufzeigen.

In diesem Artikel werden wir uns lediglich auf die finanziellen Aspekte konzentrieren, die vor allem auf die zweideutige Bedeutung des englischen Wortes „free“ zurückzuführen sind, was die meisten Menschen als „kostenlos“ interpretieren. Das wiederum bringt sie zu dem Schluß, Freie Software sei ein Synonym für Freeware, sodaß sie erwarten, daß sie kostenlos zur Verfügung steht. Genaugenommen muß Freeware aber nicht einmal Open-Source-Code enthalten, da selbst proprietäre Software auf legale Weise kostenlos heruntergeladen werden kann.

Aus diesem Grund werden wir hier den Begriff „Open-Source-Software“ verwenden, der weniger irreführend ist, aber immer noch das Prinzip des frei zugänglichen Quellcodes verdeutlicht.

Jahrelang mußten Entwickler und Lieferanten von Open-Source-Software gegen das Stereotyp des Computerfreaks ankämpfen. Nachteulen, die ihre gesamte Freizeit damit verbringen, Code zu hacken, literweise Kaffee zu trinken und tonnenweise Pizza in sich hinein zu stopfen.

Zugegeben, Kaffee und Pizza sind nicht so weit hergeholt, aber der Rest ist Klischee, was es heutzutage schwer macht, zu erklären, daß selbst diese verrückten Nerds irgendwie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, und daß das ohne Geld nun einmal nicht funktioniert.

Deswegen wollen wir die zwei größten Mißverständnisse klären.

Mann ißt Pizza vor einem Desktop-Bildschirm

Zu allererst ist Open-Source-Software trotz der Tatsache, daß sie unter den Bedingungen der GPL veröffentlich wird, nicht zwingend kostenlos, weil die GPL dies überhaupt nicht voraussetzt.

Zweitens ist die Entwicklung und Wartung von Open-Source-Software in der Regel ebenfalls mit gewissen Kosten verbunden, weil die Entwickler dieser Software oft Profis sind, die mit dem Code ihren Lebensunterhalt verdienen.

Das Gute an Source-Code mit GPL-Lizenz aber ist, daß alle Menschen Teil der Entwicklergemeinschaft werden und damit Geld verdienen können, auch wenn sie über keinerlei Startkapital verfügen. Allerdings setzt das voraus, daß der Code, wie z.B. auch der des TYPO3-Projekts, bereits veröffentlich wurde.

Erfolgreich wird man nicht durch Geld,
sondern durch die Freiheit, es zu verdienen.

Nelson Mandela

Dennoch haben sowohl Entwickler als auch Anwender von Software unter GPL-Lizenz jederzeit die Möglichkeit, den zugrundeliegenden Code kostenlos zu veröffentlichen, was uns in eine Zwickmühle bringt. Einerseits kann das Verkaufen von Open-Source-Software ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein, es könnte aber andererseits ebenso schnell durch den ersten kostenlos verfügbaren Fork des Codes zerstört werden. Unser Ziel muß also sein, ein Geschäftsmodell zu finden, das sowohl nachhaltig als auch kompatibel zu den Prinzipien von Open-Source-Software ist. Zuerst sollten wir uns daher die Optionen anschauen.

Spenden

Geben ist seliger denn Nehmen

Da der Gründer des TYPO3-Projekts, Kasper Skårhøj, ein überzeugter Christ ist, basierten seine ersten Schritte in der Open-Source-Welt auf durchaus christlichen Prinzipien. Während er sich durch seinen Glauben verpflichtet fühlte, seinen Code kostenlos zur Verfügung zu stellen, nahm er als Gegenleistung gern Spenden der Anwender an. Zeitweilig konnte man in einem kleinen Online-Shop Zigarren für ihn kaufen, was eines seiner wenigen Laster war, wie er zugab.

Heute gibt es mehrere Erweiterungen im TYPO3-Extension-Repository, die verschiedene Möglichkeiten nutzen, um von ihren Nutzern Spenden zu erhalten. Man kann z.B. einen Spendenlink in die TER-Konfiguration der Erweiterung einfügen oder einen Link zu Flattr, Paypal o.ä. in die Dokumentation oder den „About“-Abschnitt implementieren, der im Backend sichtbar ist.

Einige haben auch eine Art Nagware in ihre Erweiterung eingebaut, welche die Nutzer von Zeit zu Zeit daran erinnert, daß es schön wäre dafür zu spenden, wenn sie ihnen gefällt, und daß diese Nachricht nach einer entsprechenden Spende verschwinden wird.

Sparschwein auf einem leeren Holztisch

Ich habe mich entschieden, es Kasper gleichzutun, und mir eine Amazon-Wunschliste für mein Laster zusammengestellt. Wobei es sich um Whisky handelt, nicht um Zigarren. Aber ich denke an diesem Punkt sind wir uns einig, daß Spenden zwar ein schöner Weg sein können, die Arbeit anderer wertzuschätzen, das durch Spenden verfügbare Einkommen aber meist weit entfernt von einem akzeptablen Lebensunterhalt sein wird.

Natürlich könnten Spenden funktionieren, sobald eine Extension von Millionen von Menschen genutzt würde, allerdings ist das im TYPO3-Universum eher selten. Möglichkeiten für Spenden werden daher kein Gegenstand kommender Artikel zu diesem Thema sein.

Verein

Treffen sich drei Deutsche, gründen sie einen Verein

Eine weitere Möglichkeit zur Finanzierung eines Open-Source-Projekts ist die Gründung eines gemeinnützigen Vereins, der sich um die finanziellen und rechtlichen Belange des Projekts kümmert. Für das TYPO3-Projekt wurde das bereits vor mehr als einem Jahrzehnt Realität, als im Jahr 2004 die TYPO3-Association gegründet wurde.

Ein Verein mit Mitgliedern und Beiträgen mag zwar durchaus eine gute Idee sein, wenn es um rechtliche Fragen, strategische Planung und offizielle Repräsentanten für das Projekt geht, er ist aber als Finanzierungsmittel für die Entwicklung von Erweiterungen zumindest fragwürdig.

Vereine gehen mit einer Menge Bürokratie einher und verlängern die Wege für kurzfristige Entscheidungen. Sie führen vor allem dann zu unnötigem Zwist, wenn es darum geht, Budgets zwischen verschiedenen Bewerbern aufzuteilen, da oftmals nicht genügend Geld vorhanden ist, um alle zufriedenzustellen.

Publikum mit Sprecher vor großer Leinwand

Daniel Hinderink hielt auf der TYPO3-Konferenz im vergangenen Jahr mit „Lessons Learned“ einen Vortrag über die gesammelten Erfahrungen bei der Gründung der Association und zeigte auf, welche Fallstricke sich durch durch ihre interne Struktur und deren Umsetzung ergaben. Trotzdem erscheint die TYPO3-Association als eine durchaus vernünftige Möglichkeit Erweiterungen zu finanzieren, daher wird sie Gegenstand des nächsten Artikels über dieses Thema sein.

Crowdfunding

Kleinvieh macht auch Mist

Nachdem im Jahr 2012 die TYPO3-Association die wichtigste Finanzierungsquelle für den TYPO3-Core und andere Teams wie z.B. das damals noch mit TYPO3 verbundene NEOS-Projekt geworden war, benötigten wir andere Wege, um die Entwicklung von Erweiterungen zu finanzieren. Zu diesem Zeitpunkt kam erstmalig Crowdfunding ins Spiel, denn auf diese Weise ließen sich Mittel für klar definierte Ziele von einer klar definierten Zielgruppe beschaffen.

Das Gridelements-2.0-Refactoring war eines der ersten offiziell durch Crowdfunding finanzierten Projekte in der TYPO3-Welt. Es erzielte eine Summe von 32.000,-€ für bezahlte Entwicklung, die im Rahmen einer 90-tägigen Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Startnext erreicht wurde.

Da die Gridelements-Kampagne sehr gut ankam und bei diversen TYPO3-Veranstaltungen als Vorreiter präsentiert wurde, folgten weitere TYPO3-Projekte, teilweise ebenfalls erfolgreich finanziert, wie z.B. TYPO3-Theme-Packages oder TYPO3-Mask im Jahr 2014.

Startnext Crowdfunding Kampagne für Gridelements 2.0

Übrigens: Diese Seite basiert auf beiden, Gridelements und Themes.

Obwohl viel für die Crowd als Finanzierer der Entwicklung von Erweiterungen spricht, hat diese Form auch gewisse Nachteile. Die klar festgelegten Ziele, das treuhänderisch verwaltete Kapital, der verkürzte Zeitrahmen im Vergleich zu Budgets der Association, das alles macht Crowdfunding durchaus interessant. Dennoch scheiterten einige Projekte kläglich daran, ihr Spendenziel zu erreichen.

Also muß es auch hier Fallstricke geben, weshalb wir das Thema in einem anderen Artikel genauer unter die Lupe nehmen werden.

Service Level Agreements

Es ist Vertrauenssache, nicht Kostenfrage

Im Rahmen der verlängerten LTS-Phase von TYPO3 4.5 erschien eine weitere Option auf dem Radar, die zwar für das TYPO3-Projekt relativ neu war, aber tatsächlich schon seit geraumer Zeit in der Open-Source-Welt existiert. Mit Gründung der TYPO3 GmbH wurde damit begonnen, das erfolgreiche Konzept von Wartungsverträgen in Form sogenannter Service Level Agreements - kurz SLA - fortzuführen.

Eines der erfolgreichsten Beispiele für die Kombination von Open-Source-Software mit dem SLA-Konzept ist die Firma RedHat, 1993 gegründet und heute ein Global-Player im Wert von 2 Milliarden Dollar, der einen riesigen Teil seines Umsatzes vor allem mit Service-Leistungen rund um Open-Source realisiert hat.

Natürlich kann sich das TYPO3-Projekt damit nicht wirklich vergleichen, dennoch zeigt das Beispiel, daß Menschen in der Businesswelt bereit sind, deutlich mehr Geld zu investieren, wenn sie dafür ein Produkt erhalten, dem sie vertrauen können.

Tresorraum mit geöffneter Tür

Die Gestaltung eines solchen vertrauenswürdigen Umfelds für TYPO3-Erweiterungen in enger Zusammenarbeit mit der TYPO3 GmbH und dem TYPO3-Core-Team könnte eine weitere Option für Entwickler von Erweiterungen sein.

Der Nutzen dieser Zusammenarbeit wird bereits während der TYPO3 User eXperience Week und der TYPO3 Developer Days jedes Jahr erneut sichtbar, aber weil sich dadurch völlig neue Wege ergeben, um mit den finanziellen Aspekten der Entwicklung von TYPO3-Erweiterungen umzugehen, werden wir SLA in einem weiteren Artikel zum Thema genauer untersuchen.

TL;DR - Fazit

Welche der Finanzierungs-Optionen für TYPO3-Erweiterungen eignet sich am besten?

Die Entwickler von TYPO3-Erweiterungen stecken in einer Zwickmühle, weil es schwer ist, mit Open-Source-Software ein akzeptables Einkommen zu generieren, wenn diese bereits kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Mit Spenden, Association-Budgets, Crowdfunding und Service Level Agreements gibt es verschiedene Möglichkeiten der Finanzierung.

Wir müssen nun gemeinsam herausfinden, welche davon sich am ehesten für Entwickler von Erweiterungen eignet, so daß diese mit ihren Kreationen ihren Lebensunterhalt verdienen können, während TYPO3-Agenturen, Integratoren und Anwender vertrauenswürdige Lösungen erhalten.

Jo Hasenau

Wir würden gern Eure Meinung zu den gezeigten Möglichkeiten hören oder lesen. Basierend auf Eurem Feedback werden wir weitere Artikel über die verschiedenen Varianten veröffentlichen, so daß wir alle schließlich einen besseren Überblick über deren Vor- und Nachteile haben.