Ich wollte eigentlich nur meinen LinkedIn-Lebenslauf nachtragen. Das klingt harmlos, ist aber offenbar eine dieser Aufgaben, bei denen man erst ein paar Stationen sortiert und dann plötzlich merkt, dass man beim Sortieren selbst mit auf dem Tisch liegt.
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Ich saß also vor diesem Profil, das beruflich ungefähr so aussah wie ein Schreibtisch nach mehreren Umzügen. Ein paar Dinge waren offensichtlich, ein paar lagen irgendwo unter alten Projekten, früheren Rollen, halb vergessenen Branchen und diesem ganzen Material, das man im Laufe der Jahre ansammelt, wenn man beruflich nicht einfach eine Treppe hochsteigt, sondern eher durch verschiedene Gebäude läuft und irgendwann merkt, dass viele davon unterirdisch miteinander verbunden waren.
Erst wirkte das alles ziemlich wild. Da waren Technik, Printproduktion, Werbung, Medienarbeit, Webentwicklung, TYPO3, Open Source, Politik, Vereinsstrukturen, Governance und jetzt eben KI. Von außen kann das aussehen, als hätte ich mehrfach die Spur gewechselt, vielleicht habe ich das auch. Nur war der Wechsel der Oberfläche oft weniger entscheidend als das, was darunter lag.
Print hat mir beigebracht, dass Information auch Material ist. Sie hat Formate, Raster, Farben, Kosten, Lieferzeiten und Fehlerquellen. Werbung hat daraus Wahrnehmung gemacht, TYPO3 brachte Struktur, Rechte und Wartbarkeit dazu, Open Source Vertrauen und Reibung.
Politik und Governance haben das Ganze schließlich unangenehm vergrößert, weil dort sichtbar wird, wie Verfahren, Macht und Kommunikation ineinandergreifen.
Mich hat fast immer interessiert, wie aus Information Wirkung wird. Ich wollte wissen, wer etwas steuert, wer nur glaubt, etwas zu steuern, welche Werkzeuge Menschen stärker machen, welche Strukturen Menschen klein halten und warum manche Systeme trotz guter Leute erstaunlich schlechte Ergebnisse produzieren.
Das erklärt im Rückblick auch einige Reibung. Ich habe schon als Kleinkind gemerkt, dass ich in manchen Räumen schnell verstehe, wie das Spiel funktioniert. Das ist angenehm für ein paar Minuten und danach oft ziemlich unpraktisch. Denn wenn ein Raum nur deshalb funktioniert, weil alle ungefähr im erwartbaren Tempo laufen, wird jemand, der anders denkt, nicht automatisch als Gewinn betrachtet. Manchmal ist man einfach nur eine Störung im Betriebsablauf.
Aus dieser Erfahrung stammt ein Satz, der mich länger begleitet, als mir lieb ist:
Wenn ich in einem Raum der Beste bin, bin ich im falschen Raum.
Das ist kein Triumphsatz, eher eine Warnleuchte. Ich brauche Räume, in denen andere Dinge können, die ich noch nicht kann, Räume, in denen ich wachsen muss, Räume, in denen Abweichung nach oben nicht sofort zurückgeschnitten wird, nur damit die Hecke wieder gleichmäßig aussieht.
Beim Nachtragen dieses Lebenslaufs wurde mir klar, dass mein Weg nie besonders gerade war, aber auch nicht beliebig. Die Oberfläche hat gewechselt, das Muster ist geblieben. Ich lande immer wieder dort, wo Werkzeuge, Medien und Systeme neu verteilen, was Menschen können, wie sie zusammenarbeiten und wer am Ende versteht, was eigentlich wie und warum passiert.
Deshalb interessiert mich KI heute auch nicht als Spielzeug, Abkürzung oder nächstes Etikett fürs Profil, sie fällt für mich in dieselbe Linie. Ein Werkzeug verändert, wie Information entsteht, wie Organisationen entscheiden und wie schnell Menschen auf Ergebnisse reagieren, deren Entstehung sie oft kaum noch überblicken. Alle reden über Effizienz, aber die eigentliche Frage liegt sehr viel tiefer.
Wer versteht das System noch, wenn es funktioniert? Wer erkennt rechtzeitig, wenn es Unsinn produziert? Wer baut Räume, in denen Menschen durch Technik stärker werden, statt nur schneller in die falsche Richtung zu laufen?
Vielleicht ergibt mein Lebenslauf deshalb gerade jetzt mehr Sinn als vorher. Er war nie besonders ordentlich, aber offenbar hatte er eine Richtung. Das ist der positive Teil daran. Aus den Umwegen ist kein gerader Karrierepfad geworden, aber ein ziemlich brauchbarer Werkzeugkasten. Vieles, was früher wie Abweichung aussah, ist heute Material für das, was als Nächstes kommt.
In den nächsten Tagen folgen ein paar weitere Texte dazu. Ich werde diesen Werkzeugkasten Stück für Stück sortieren und schauen, welche Muster sich daraus ergeben.
Mein Lebenslauf wirkt auf den ersten Blick wie eine Sammlung sehr unterschiedlicher Stationen. Im Rückblick zieht sich aber ein klares Muster durch Technik, Print, Web, Open Source, Governance und heute KI. Mich interessiert immer wieder, wie Werkzeuge und Systeme Information formen, Zusammenarbeit beeinflussen und darüber entscheiden, was Menschen verstehen und bewirken können. Der Weg war nie geradlinig, aber aus den Umwegen ist ein ungewöhnlich vielseitiger Werkzeugkasten entstanden.
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