Dies ist der dritte und letzte Teil einer Serie auf Basis meines WeAreDevelopers-Talks A True Story About Speeding Up the Wrong Things. Im ersten ging es um Geschwindigkeit ohne ausreichende Steuerbarkeit, im zweiten um Softwareentwicklung, sobald Code billig wird. Das Architekturproblem endet aber nicht beim Code. Modelle rufen inzwischen Werkzeuge auf und verändern auch andere Systeme. Die Frage ist also größer: Was muss um KI herum existieren, bevor ihre Ergebnisse oder Aktionen zu einem Zustand werden, auf den wir uns verlassen?
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Der ursprüngliche 40-minütige Talk ist bei WeAreDevelopers verfügbar.
Angenommen, ein Agent soll eine Kundenbeschwerde bearbeiten. Er liest Kontodaten, entwirft eine Antwort und kann anschließend das Ticket aktualisieren oder eine Erstattung auslösen. Ein Agent, der Code in einem Repository verändert, ist nur eine Variante desselben Musters.
In beiden Fällen kann KI etwas unmittelbar Nutzbares erzeugen, während das umgebende System weiterhin entscheidet, was passieren darf. KI-Werkzeuge drücken diese Schritte zusammen.
Ergebnisse wirken fertig und Agenten können Werkzeuge sofort aufrufen, sodass zwischen Vorschlag und Wirkung vielleicht noch ein Klick liegt oder gar keiner. Die Unterscheidung bleibt trotzdem wichtig.
Ich finde es hilfreich, diesen Übergang Commitment zu nennen. Vor dem Commitment kann das Modell exploral agieren. Es kann Alternativen entwerfen, andere Systeme abfragen, einen Patch testen oder seine erste Annahme verwerfen. Nichts davon muss den akzeptierten Zustand bereits verändern.
Irgendwann ändert sich außerhalb des Modells etwas: Eine Antwort wird verschickt, Daten werden geschrieben, eine Zahlung oder ein Deployment ausgelöst oder eine Entscheidung wird verbindlich. Ab diesem Moment muss das umgebende System die Folgen tragen.
Digitale Systeme kennen solche Grenzen längst. Eine Datenbanktransaktion kann arbeiten, bevor sie festgeschrieben wird, und ein CMS kann einen Entwurf halten, ohne ihn zu veröffentlichen.
KI-gestützte Systeme brauchen eine ebenso sichtbare Grenze, egal ob das Ergebnis Code, Inhalt oder eine Aktion in einem anderen System ist. Das Modell kann erzeugen. Das System muss steuern, was daraus werden darf. Sobald Modelle auch handeln können, muss dieselbe Ebene steuern, was sie verändern dürfen.
Wenn wir später verstehen wollen, warum ein KI-System eine Nachricht verschickt, einen Datensatz geändert oder eine Aktion empfohlen hat, reicht das sichtbare Ergebnis nicht.
Wir müssen vielleicht wissen, welches Modell es erzeugt hat und welche Version dabei lief. Kontext ist ebenso relevant wie Werkzeuge, die das Modell aufrufen konnte, und Daten, auf die es zugreifen durfte. Es kann wichtig sein, wer die Aufgabe gestartet hat und welche Zwischenergebnisse einen Einfluss hatten.
Ein Teil davon sieht nach Protokollierung aus, aber Protokolle sind nicht der eigentliche Punkt. Was wir brauchen, sind genügend Informationen über Herkunft und Entstehungsweg, um nachvollziehen zu können, warum ein Ergebnis existiert und auf welcher Grundlage wir ihm vertraut oder seine Ausführung zugelassen haben. Eine verschickte Antwort an einen Kunden sagt uns zum Beispiel nur wenig über die Datenquellen, Regeln oder Annahmen dahinter.
Dasselbe Problem gibt es bei einem Patch, einem erzeugten Bericht oder einer automatisierten Aktion an einem Kundenkonto. Eine Prüfung wird schwach, wenn das, was geprüft wird, vom Prozess seiner Entstehung getrennt ist.
Ein System, das Arbeit beschleunigt, muss deshalb auch die Arbeit beobachten können, die es beschleunigt. Sonst erzeugen wir mehr Aktivität und verlieren zunehmend die Fähigkeit zu erklären, wie der resultierende Zustand entstanden ist.
Es gibt einen weiteren Grund, mit der Steuerung nicht bis zum fertigen Ergebnis zu warten. Unterschiedliche Aufgaben können sinnvollerweise an unterschiedliche Modelle gehen.
Für manches reichen kleine lokale Modelle, anderes rechtfertigt ein deutlich leistungsfähigeres, und manches sollte erst bei Menschen landen, bevor ein Agent überhaupt irgendetwas tun darf.
Beim Zugriff gilt dasselbe. Ein Agent, der eine Zusammenfassung erstellt, muss Daten vielleicht nur lesen.
Im Kundendienst darf er ein Ticket aktualisieren, braucht für eine Erstattung aber eine Freigabe. Ein Entwicklungsagent darf ein Repository untersuchen, ohne Änderungen selbst übernehmen zu dürfen. Eine Aufgabe mit Kundendaten hat ein anderes Risikoprofil als eine mit öffentlich zugänglicher Dokumentation.
Etwas extern zu veröffentlichen ist etwas anderes, als intern einen Entwurf zu erstellen. Solche Entscheidungen gehören in die Architektur. Die Frage ist nicht nur, ob ein Agent ein Werkzeug aufrufen kann.
Ebenso wichtig ist, welche Art von Aktion er ausführt, welche Ressourcen er nutzen darf und ob eine Freigabe nötig ist. Manche Folgen lassen sich nicht durch eine nachträgliche Prüfung der Antwort zurückholen. Wenn vertrauliche Daten bereits an die falsche Stelle geschickt wurden, kommt die Prüfung der Begründung hinterher etwas spät.
Deshalb gehören Zuweisung, Berechtigungen, Regeln und Risikoeinstufung in den laufenden Prozess.
Am Ende muss etwas die Grenze vom Vorschlag zum akzeptierten Zustand überschreiten. Ein Entwurf wird veröffentlicht, eine Empfehlung übernommen, ein Werkzeugaufruf ausgeführt oder eine Codeänderung gemergt.
Bei geringem Risiko kann das automatisch passieren. In anderen Fällen braucht es Prüfungen, Sicherheitschecks oder eine ausdrückliche Freigabe. Architektonisch entscheidend ist, dass es diese Grenze gibt.
Ein erzeugtes Ergebnis wird nicht verlässlich, nur weil es plausibel aussieht, und eine erfolgreiche Ausführung macht eine Aktion nicht automatisch legitim. Es sollte nachvollziehbar sein, was übernommen oder ausgeführt wurde, unter welchen Bedingungen und nach welchen Prüfungen. Damit bekommt Verantwortung einen konkreten Anknüpfungspunkt.
Wenn später etwas schiefläuft, ist »das hat die KI gemacht« keine brauchbare Erklärung. Interessant ist, was passieren durfte, welche Prüfung lief, welches Regelwerk galt und wer oder was den Übergang freigegeben hat. Das Modell hat einen Vorschlag erzeugt oder eine Aktion angefordert. Das umgebende System hat daraus Wirklichkeit werden lassen.
Auch die Autonomie von Agenten wird dadurch weniger mysteriös. Ein Agent kann viel Freiheit beim Erkunden, Lesen und Vergleichen haben, ohne dieselbe Freiheit zu bekommen, außerhalb seiner selbst Zustand zu verändern. Mit solchen Grenzen arbeiten wir an anderen Stellen der Informatik längst.
Unser Agent kann etwas Nützliches gelernt haben, bevor er zu dem Ergebnis kam, das schließlich übernommen wurde.
Vielleicht hat er festgestellt, dass eine Ausnahmeregel greift, eine Datenquelle veraltet ist oder ein scheinbar sinnvoller technischer Ansatz nicht funktioniert. Manche dieser Erkenntnisse können später wichtiger sein als die eigentliche Antwort.
Sobald die Antwort verschickt, die Aktion ausgeführt oder der Patch übernommen ist, werfen die meisten heutigen Abläufe solche Erkenntnisse weg.
Der nächste Mensch kann denselben erfolglosen Versuch wiederholen. Der nächste Agent ebenso. In größerem Maßstab können wir erstaunlich viel Rechenleistung darauf verwenden, Dinge wiederzuentdecken, die die Organisation technisch gesehen gestern schon gelernt hat. Jeden Prompt und jedes Token aufzubewahren, würde das nicht lösen. Ein Rohprotokoll ist Geschichte, nicht automatisch Wissen.
Interessant ist, was eine Prüfung überlebt hat: eine widerlegte Annahme, ein gescheiterter Ansatz, eine relevante Randbedingung oder eine unter bekannten Bedingungen getestete Lösung. Daraus kann wiederverwendbares Wissen werden, statt dass es mit der Sitzung verschwindet. Softwareentwicklung liefert dafür ein naheliegendes Beispiel. Stack Overflow, Issue-Tracker und öffentliche Diskussionen hinterließen durchsuchbare Spuren vom Problem bis zum Verständnis. Private KI-Sitzungen können diesen Prozess umkehren, weil am Ende nur das Ergebnis übrigbleibt.
Ein Ersatz für dieses gemeinsame Gedächtnis muss keine weitere zentrale Website sein. Ich kann mir ein föderiertes Netz aus Wissensknoten vorstellen, in dem Organisationen oder Projekte selbst entscheiden, was sie für vertrauenswürdig halten, veröffentlichen, importieren oder intern behalten. Eine an einem Ort geprüfte Erkenntnis wird dadurch nicht automatisch anderswo zur allgemeingültigen Wahrheit. Der Talk weist nur in diese Richtung; ein fertiges Föderationsprotokoll enthält er nicht.
Nützliche Erfahrung braucht eine dauerhafte Form, wenn Agenten Wissen nicht nur verbrauchen, sondern auch ansammeln sollen.
Das gleiche Problem entsteht, sobald wir Agenten mit Werkzeugen, Datenquellen und Diensten verbinden. Schnittstellen nach dem MCP-Prinzip sind nützlich.
Zu standardisieren, wie ein Modell Fähigkeiten finden und aufrufen kann, löst echte Probleme. Es sagt uns aber nicht, wie viele Verbindungen wir schaffen sollten, welche Wege Kontext nehmen darf oder wer für ihre Steuerung verantwortlich ist.
Wenn jeder Agent direkt mit jedem nötigen Werkzeug, Dienst und anderen Agenten spricht, explodiert die Zahl der Verbindungen.
Kontext nimmt unterschiedliche Wege. Berechtigungen werden an unterschiedlichen Stellen durchgesetzt. Regelwerke driften auseinander. Spuren verteilen sich auf mehrere Systeme. Ein gemeinsames Protokoll kann die Umsetzung dieser Verbindungen erleichtern und das eigentliche Kontrollproblem trotzdem unverändert lassen.
Ich hätte lieber weniger, dafür explizite Verbindungen und würde die wichtigen Steuerungsfunktionen an Grenzen legen, über die wir sinnvoll nachdenken können. Eine kontrollierbare Diensteebene oder ein kontrollierbarer Knoten kann Kontext, Zugriff, Regeln, Zuweisung, Spuren, Prüfung und Commitment behandeln, ohne dass jeder Beteiligte diese Entscheidungen für sich neu erfinden muss. Das Prinzip ist dasselbe, egal ob der Agent an Code arbeitet oder mit einem anderen System.
Eine unangenehme Frage bleibt trotzdem.
Wenn diese Ebene Berechtigungen, Zuweisung, Wissen, Prüfung und Festschreibung systemübergreifend übernimmt, wird sie zu einem ziemlich mächtigen Teil der Infrastruktur. All das in etwas Undurchsichtiges zu packen, wäre eine bemerkenswerte Art, Kontrolle zurückzugewinnen.
Eine Organisation sollte die Regeln einsehen können, die bestimmen, was ihre Agenten sehen, aufrufen, verändern oder veröffentlichen dürfen.
Sie sollte nachvollziehen können, warum ein Ergebnis übernommen oder eine Aktion zugelassen wurde, angesammeltes Wissen exportieren und Komponenten austauschen können, ohne dadurch die Betriebsfähigkeit des Systems zu verlieren.
Deshalb müssen die grundlegenden Steuerungsmechanismen aus meiner Sicht einsehbar und austauschbar bleiben. Daraus folgt nicht, dass jeder Dienst darum herum Open Source sein muss. Hosting, Betrieb, Unternehmensintegrationen und spezialisierte Erweiterungen können problemlos kommerzielle Produkte sein. Die engere Forderung lautet: Die Teile, von denen tatsächliche Kontrolle abhängt, dürfen selbst nicht zu unzugänglicher Technik werden. Sonst haben wir eine bessere Black Box um die erste Black Box gebaut.
Es gibt dafür auch ein ziemlich banales Effizienzargument. Agenten, die vergessen, was frühere Agenten herausgefunden haben, wiederholen Arbeit. Gescheiterte Ansätze kosten bei jeder erneuten Entdeckung Tokens, Rechenleistung, Zeit und Energie. Gedächtnis kann schlicht die Arbeit verringern, die das System überhaupt leisten muss.
Ich betrachte das nicht nur als interessantes Architekturproblem. Systeme in dieser Richtung liegen sehr nah an dem, was ich bauen möchte. Vor allem bei Föderation, Vertrauen und Prüfung fehlen noch Details. Unterschiedliche Anwendungsfelder werden unterschiedliche Regeln für das Commitment brauchen. Aber die Systemgrenze ist bereits erkennbar.
KI hat das Erzeugen inzwischen so billig gemacht, dass ein weiteres plausibles Ergebnis zunehmend der einfache Teil ist. Agenten können auf Basis dieser Ergebnisse inzwischen auch handeln. Die Frage ist deshalb nicht mehr nur, was ein Modell erzeugen kann, sondern was es in den Systemen um sich herum beeinflussen darf.
Dafür brauchen wir Beobachtung, Gedächtnis und Kontrolle rund um das Modell, mit einem klar erkennbaren Punkt, an dem aus Erkundung etwas wird, auf das sich andere Menschen und Systeme verlassen sollen. Im ersten Artikel war Geschwindigkeit keine Richtung. Diese Ebene muss die Steuerung übernehmen.
KI-Systeme erzeugen längst nicht mehr nur Antworten. Über Agenten und Werkzeuge können sie Daten abrufen, Dienste aufrufen und Veränderungen in anderen Systemen auslösen. Eine ernstzunehmende KI-Architektur braucht deshalb eine Steuerungsebene zwischen dem Modell und den Systemen, die es beobachten oder beeinflussen kann. Diese Ebene kontrolliert Zugriff und Zuweisung, bewahrt Informationen über Herkunft und Entstehungsweg, prüft Ergebnisse und macht sichtbar, wann aus einem Vorschlag oder einer Aktion verbindlicher Zustand wird. Diese Grenze ist das Commitment: Davor dürfen Modelle erkunden und scheitern; danach trägt das umgebende System Verantwortung dafür, was übernommen wurde oder passieren durfte. Die Steuerungsebene selbst muss einsehbar und austauschbar bleiben, sonst haben wir das Kontrollproblem nur in eine andere Black Box verschoben.
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